Wintersemester 2014/2015 1.2 Einführung in Geschichte, Wissenschaft und Ethik der Sozialen Arbeit
GESCHICHTE - Nationalsozialismus und soziale Berufsarbeit als Volkspflege (Block); Verbindliches Vortreffen am Mittwoch, 08.10.14 von 17.00 - 18.30 Uhr Schreinerei
Dozent/in: Eberle, Annette
Modul- bzw. Bereichsbeauftragte/r : Prof. Dr. Wolfinger
Tag: Do/Fr Zeit: 30./31.10.14 Raum: Typ: SU Std.: 2

Ziele: Durch die nationalsozialistische Diktatur zwischen 1933 und 1945 kam es zu einer einschneidenden Zäsur in der Berufsentwicklung der sozialen Arbeit. Genauer gesagt war den Machthabern das bestehende Fürsorgesystem, das bei dem hilfebedürftigen Individuum ansetzte, ein Dorn im Auge. Im Unterschied dazu rückte die nationalsozialistische Ideologie die Unterstützung einer sogenannten erbgesunden deutschen Volksgemeinschaft in den Mittelpunkt. Das beinhaltete, eine funktionsfähige Mehrheit zu stärken, während alles Schwache, wozu u. a. „Minderwertige, Lebensunwerte sowie Erbunwerte“ gehörten, ausgemerzt werden sollten. Legitimiert wurde eine solche Kategorisierung durch pseudowissenschaftliche Erklärungen aus dem Bereich der Rassebiologie und der Vererbungslehre, die bereits in der Weimarer Republik viele Anhänger innerhalb der Ärzteschaft und Fürsorgern gefunden hatte. Wohlfahrtseinrichtungen, Gesundheits- und Fürsorgebürokratie wurden zu Mittätern bei Zwangsmaßnahmen gegenüber Hilfsbedürftigen und auch bei Krankentötungen. Nach Kriegsende dauerte es lange Zeit, bis diese als Unrecht öffentlich anerkannt und die Opfer gewürdigt wurden. Unter welchen Folgen die Opfer und ihre Angehörigen noch lange Zeit zu leiden hatten, davon zeugen wenige Berichte.
Ziel des Seminars ist es, ausgehend von Zeitzeugenberichten aus München und Umgebung, einzelne Maßnahmen der nationalsozialistischen Volkspflege zu beleuchten und ausgehend von der Sicht der Betroffenen die Frage nach dem "Wert des Menschen" in der sozialen Arbeit zu reflektieren.


Inhalt:
•Rassenhygiene und die Ideologie des Nationalsozialismus,
•Mittäterschaft der Sozialen Arbeit bei NS-Verbrechen und die Sicht der Opfer
•Öffentliche Fürsorge und freie Wohlfahrt
. Zeugenschaft: Erinnerung von ehemaligen Heimzöglingen und Fürsorgern/Sozialarbeitern



Lehr- und Lernform: angeleitetes Lernen, angeleitetes Selbststudium, entdeckende Lehrverfahren, exemplarisches Lernen und Üben, Selbststudium, Referate, Präsentationen, seminaristischer Unterricht, Fallarbeit

Literatur: Brunner, Claudia, Frauenarbeit im Männerstaat. Wohlfahrtspflegerinnen im Spannungsfeld kommunaler Sozialpolitik in München 1918 – 1938, Pfaffenweiler 1994.
Brunner, Claudia, Bettler, Schwindler, Psychopathen" die "Asozialen"-Politik des Münchner Wohl-fahrtsamtes in den frühen Jahren der NS-Zeit (1933 bis 1936), München 1993.
Cranach, Michael, v./Siemen, Hans-Ludwig (Hrsg.), Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayeri-schen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945, München 1999. (spez. Kapitel über Ernst Lossa)
Haag, Lilo, Berufsbiographische Erinnerungen von Fürsorgerinnen an die Zeit des Nationalsozialis-mus, Freiburg i. Br. 2000.
Horban, Corinna, Gynäkologie und Nationalsozialismus: Die zwangssterilisierten, ehemaligen Patientinnen der 1. Universitätsfrauenklinik heute – eine späte Entschuldigung, München 1999; Historische Einführung; Zwangssterilisation: S. 13-29; Einzelgespräche, Sicht der Opfer, S. 68-104
Jureit, Ulrike, Überlebensgeschichten. Gespräche mit Überlebenden des KZ-Neuengamme, Hamburg 1994.
Jureit, Ulrike, Erinnerungsmuster. Zur Methodik lebensgeschichtlicher Interviews mit Über-lebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager, Hamburg 1999.
Kuhlmann, Carola: „So erzieht man keinen Menschen“. Lebens- und Berufserinnerungen aus der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre, Wiesbaden 2008; Überblick Fürsorgeerziehung: Einleitung S. 18-24.
Köster Markus, Jugend, Das Aufwachsen im Zweiten Weltkrieg , in: Wohlfahrtsstaat und Gesellschaft im Wandel. Westfalen zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik, Paderborn 1999, (Westfalen); Fürsorgeerziehung
Lehnert, Esther, Die Beteiligung von Fürsorgerinnen an der Bildung und Umsetzung der Kategorie „minderwertig“ im Nationalsozialismus, Frankfurt 2003; empfohlen: Kommunale Fürsorgerinnen in der Zeit des Nationalsozialismus, S. 157-174; Die Organisation von Familienfürsorge in Hamburg – Mitarbeit von Familienfürsorgerinnen an der Durchführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses; Die fürsorgerischen Gutachten, S. 225-262.
Reyer, Jürgen: Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege. Entwertung und Funktionalisierung der Fürsorge vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Freiburg i. Breisgau 1991.
Sachße, Christoph u. Tennstedt, Florian: Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland, 3 Bde., Stuttgart 1980-1992. Der Wohlfahrtsstaat im Nationalsozialismus (Bd. 3; 1992)
Welkerling, Erika, Wiesemann, Falk (Hrsg.): Unerwünschte Jugend im Nationalsozialismus. Jugend-pflege und Hilfsschule im Rheinland 1933-45, Essen 2005; interessant: Hilfsschule im Dritten Reich. Konformes und nichtkonformes Verhalten von Hilfsschullehrern, S. 141-154; Aufgefallen – ausgeg-renzt – verfolgt. Die ‚andere’ Jugend im Nationalsozialismus, S. 255-272.